Artist Interviews – Probates Mittel in der Fotorestaurierung?

Bewegt man sich in den Gefilden der zeitgenössischen Fotografie können durchaus Fragestellungen über die der reinen Fotokonservierung und -restaurierung hinaus relevant werden, die essentiell für die Anmutung eines Kunstwerkes sein können. Als ein Beispiel sei die Werkreihe „World of details“ von Viktoria Binschtok genannt. Die hier in der Abbildung zu sehende Arbeit „World of details (man in a box + man in a box)“ besteht aus 2 Teilen, einem kleineren Tintenstrahldruck, der flächig auf MDF-Platte aufkaschiert ist, und einem größeren chromogenen Farbabzug, der fest in einem Künstlerrahmen montiert ist.

Der chromogene Farbabzug ist in einer besonderen Weise montiert, der die Anmutung des Werkes geradezu charakterisiert, nämlich mit sichtbaren Malerkreppklebebändern. Dass dieses Material per se nicht besonders haltbar und für einen eher kurzzeitigen, vorübergehenden Einsatz gemacht ist, bedarf vermutlich keiner weiteren Erklärung. Auch wenn Restaurator*innen im Allgemeinen kein Freund von selbstklebenden Materialien sind, sind diese hier werkimmanent und demzufolge von großer Wichtigkeit und Ästhetik für das Werk selbst. Die Anmutung und bewusste Entscheidung der Künstlerin für dieses Material und damit das so entstandene wunderbare Werk wird daher in seiner Materialität vollstens respektiert.

Dennoch ist es für die Sammlungspflege von Belang, wie im Sinne der Künstlerin zukünftig mit den sich ggf. lösenden Klebebändern umzugehen sei, um die Werke auch langfristig in dieser Anmutung erhalten zu können. Hier kommt das „Artist Interview“ zum Tragen, welches in solchen Fällen oftmals hilft, das von Kunstschaffenden gewünschte Erhaltungsziel für die eigenen Arbeiten genauer zu definieren. Diese spezifischen Fragestellungen deckt auch das „Photographic Information Record“ nicht vollumfänglich ab, geht es hier doch eher um fototechnische Fragestellungen. So ergab sich im Dialog mit Viktoria Binschtok, dass sie nichts dagegen hätte, wenn die Kreppklebebänder im schlimmsten Fall ersetzt würden, wenn sie eines Tages ihre Klebkraft gänzlich verloren hätten. Wichtig sei für die Künstlerin, dass die Ästhetik ihrer Arbeiten derart erhalten bliebe. Bestenfalls wird der gleiche Typ Malerkreppklebeband wiederverwendet, den sie im Interview auch angab, sofern dieser dann noch erhältlich ist.

Artist Interviews sind nicht nur in diesem Fall von immenser Wichtigkeit. Häufig helfen Sie, die künstlerische Intention eines Werkes und damit verbunden zum Teil auch die Wahl der verwendeten Materialien zu verstehen. In diesem Rahmen kann auch besprochen werden, wie mit dem Werk und schnell alternden Komponenten langfristig im Sinne der Künstler*innen umgegangen werden sollte. Bestenfalls werden Artist Interviews direkt bei Aufnahme eines Werkes in die Sammlung geführt und sichern so den Erhalt des Werkes im Sinne der Kunstschaffenden, auch über deren Lebzeiten hinaus.

Kristina Blaschke-Walther

…ist Fotorestauratorin und Leitung Restaurierung am Sprengel Museum Hannover.

BU:  Viktoria Binschtok “World of Details (man in a box + man in a box)“, 2-teilig, 2011, chromogener Farbabzug und Tintenstrahldruck, 83 x 82 x 5 cm und 10 x 26 cm, Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover